Die Tuva, die ich fast aufgegeben hätte

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Kreativlabor Berlin. Das Schnittmuster „Kleid Tuva“ wurde mir von Kreativlabor Berlin kostenlos zur Verfügung gestellt. Im Beitrag befinden sich Links zu den Produktseiten des Herstellers.

Kleid-Tuva-naehen

Ich war wirklich noch bei keinem Nähstück so kurz davor gleich zu Beginn das Handtuch zu werfen, wie bei diesem. Und auch zwischendurch war ich nicht sicher, ob ich es zu Ende bringen würde und ob es überhaupt tragbar werden würde.

schlichter-Kleiderschnitt-fuer-Sommer

Umso stolzer und glücklicher bin ich jetzt darüber, dass ich mich doch irgendwie durchgebissen habe – und nebenbei auch noch zur Bespaßung meines Freunds beigetragen habe. Der hat sich nämlich köstlich darüber amüsiert, dass ich alle fünf Minuten fluchend und haareraufend (das tut man scheinbar tatsächlich, wenn man sich ärgert und gleichzeitig verzweifelt ist- ist mir noch nie zuvor passiert…) durchs ganze Haus gerannt bin, um zwei Sekunden später beschwörend auf mich selbst einzureden, durchzuatmen und immer noch murmelnd weiterzumachen. Von „Warum tust du dir das an“ über „Es wird gut werden, es MUSS gut werden.“ bis zu „Du kannst es zum Schluss immer noch verbrennen.“ war bei meinen Selbstgesprächen alles dabei.
Es war auch sehr schön, dass ich meinem Freund damit so eine Freude machen konnte. Ich fand das Ganze allerdings nicht so erheiternd.
Aber es hat sich definitiv gelohnt. Das Kleid ist mein absolutes Traumkleid.

Tuva-Knopfleiste

Begonnen hat die Geschichte mit Julias Facebook Profilbild. Als sie mich bezüglich der Kooperation mit ihrem Label Kreativlabor Berlin gefragt hatte (ich kanns noch immer nicht wirklich glauben), war das Bild eins der ersten Dinge, über die ich „gestolpert“ bin. Darauf trug sie ein wunderschönes Leinenkleid. Ich war sofort Feuer und Flamme. Einen Schnitt in der Art hatte ich schon länger gesucht. Aber auf der Website konnte ich kein passendes E-Book finden und auch sonst gab es keine weiteren Hinweise.

Spitze-Bogenkante-verwenden

Als ich kurze Zeit später zur Gruppe der Stammnäher dazustieß, klärte sich das Ganze auf: Der Schnitt hieß Tuva (Link zu Makerist) und befand sich noch in der Probenähphase.
Mit jedem Bild, das ich dort zu sehen bekam, verliebte ich mich mehr. Wunderschön detailreich und verspielt und dabei so natürlich und unaufgeregt.

Tuva-Spitze-Streifen

Außerdem ist Tuva für Webware konzipiert und qualifizierte sich damit als Kandidat für einen ganz besonderen Stoff, den ich kurz davor bei Glückpunkt erstanden hatte. „Hippie Dreams“ zeichnet sich nicht nur durch ein ganz besonders schönes Muster und noch dazu eine tolle, natürliche Farbe, sondern ist auch noch rein aus Baumwolle. Den musste ich einfach haben, auch wenn ich weiß, dass mir bekannte böse Zungen behaupten könnten, es sei ein recycelter, alter Vorhang. Zumindest ist dann wenigstens geklärt, warum bei uns nur an zwei Fenstern Vorhänge hängen. Ich trage sie eben lieber auf der Haut… (Wir haben übrigens auch keine Tischdecken 😉)

Tuva-aus-Spitze

Mein ursprünglicher Plan war, mein uraltes, gekauftes aber geliebtes Spitzenkleid (zu sehen hier und hier) langsam in den Ruhestand zu schicken. (vermutlich werde ich es trotzdem nicht übers Herz bringen, obwohl sich schon an ein paar Stellen der Stoff auftrennt…) Dafür wollte ich eigentlich den Schnitt des Kleids einfach kopieren, aber dann kam Tuva und mit ihr auch die Probleme, die ich anfangs gar nicht sah.

Tuva-Wiener-Naehte

Zuerst hatte ich nämlich nur das fertige Stück vor Augen. In meinem Kopf schlenderte ich damit schon Eis essend durch mediterrane Gassen (obwohl ich gar nicht weiß, wann ich wieder einmal durch mediterrane Gassen schlendern werde und eigentlich esse ich wegen der durch meine Ungeschicklichkeit erhöhten Fleckgefahr lieber nicht schlendernd, aber mein Kopf generiert prinzipiell das „kitschigstmögliche“ Bild) und ließ vollkommen außer Acht, dass Schnitt und Stoff möglicherweise etwas zu kompliziert füreinander sein könnten. In meiner leicht naiven Vorstellung nähte ich einfach ein Spitzenkleid und verband es zum Schluss nur durch die Einfassbänder an Arm und Halsausschnitt mit dem Futterkleid. (ich war so sehr mit imaginärem Eis essen beschäftigt, dass ich noch nicht einmal über das Verbinden der Knopfleiste nachgedacht habe)
Kleid-Tuva-hinten

All die möglichen kleineren und größeren Schwierigkeiten kamen mir erst beim Zuschneiden der Spitze nach und nach in den Sinn und übermannten mich derart, dass ich fast auf der Stelle aufgegeben hätte und schon nach einem anderen Stoff greifen wollte. Aber ich wusste, dass ich mich damit nur unglücklich machen würde. (immerhin hatte ich mir sogar schon die Eissorten ausgesucht, die ich mit dem Kleid nicht essen wollte)
Also stellte ich mich der ersten Schwierigkeit. Die bestand nämlich darin, dass ich am Saum die Bogenkante der Spitze verwenden wollte, der Schnitt am Rocksaum allerdings nicht gerade war.
Meine Lösung für dieses Problem war in keinster Weise professionell. Ich steckte die Bogenkante genau entlang des gebogenen Rockteils und schob den Rest solange irgendwie auseinander und zusammen, bis es halbwegs passte.
Ich schloss die Augen, atmete tief durch und Schnitt den Stoff an. Das war der Moment, in dem ich zum ersten Mal haareraufend aufsprang und am liebsten die Nähnadel an den Nagel gehängt hätte.

Tuva-durchgehende-Knopfleiste

In dem Moment wurde mir nämlich auch bewusst, dass das Muster nicht vollkommen willkürlich zusammengenäht werden durfte. Zumindest die verschiedenen Streifen sollten überall aufeinandertreffen, was mir in Anbetracht der vielen Teilungsnähte zusätzlich zu einer Knopfleiste unmöglich erschien. Vor Allem weil ich kaum Übung darin habe beim Zuschneiden und Nähen auf das Muster zu achten. Diese Notwendigkeit hat sich zuvor noch nie richtig ergeben.

Kleid-Spitze-Webware-naehen

Aber ich habe mir beim Zuschneiden sehr viel Zeit genommen, jedes Teil einzeln zugeschnitten und wirklich versucht, besonders genau zu arbeiten. Aber sicher, ob das Muster nach Abzug der Nahtzugaben und Umklappen der Knopfleiste tatsächlich funktionieren würde, war ich mir nicht.  Ich war mir auch nicht sicher, ob die Streifen am Rockteil an den Seiten unschön nach unten hängen würden, anstatt dem Bogen zu folgen. Eigentlich war ich mir mit gar nichts sicher und wäre lieber davongerannt, als die erste Naht zu nähen.

Kleid-Tuva-naehen-Kellerfalte
Außerdem stand ich noch immer vor ein paar Problemen. Mein Plan das Oberkleid und das Unterkleid separat zu nähen scheiterte nämlich an den Taschen, die ich aber auf keinen Fall weglassen wollte. Ich musste also Spitze und Futterstoff zumindest in ein paar Nähten zusammenfassen.

Kreativlabor-Berlin-Kleid-Tuva

Aber welche Nähte sollte ich separat nähen und welche nicht? Habe ich noch genügend Kontrolle über das Zusammentreffen des Musters, wenn die Spitze beim Nähen zwischen den Futterstofflagen liegt? Und wann sollte ich das Unterkleid säumen, wenn ich die Seitennähte mit der Spitze verbinde? Oder sollte ich sie nur bis zum Taschenende verbinden und wie soll das überhaupt gehen? Wie soll ich die Knopfleiste nähen? Würde sie zu dick werden bei zwei Lagen Spitze und zwei Lagen Futterstoff? Brauchte ich überhaupt noch eine Einlage? Kann meine Maschine Knopflöcher trotz Spitze nähen? Macht es Sinn die Spitze zu kräuseln, oder nähe ich lieber Kellerfalten?

Solche Fragen verfolgten mich bis in den Schlaf. Aber nach und nach wurde mir dabei klar, wie ich das Kleid nähen würde. An den Seitennähten, den Schulternähten, den Tascheneingriffen und den vorderen Nähten zwischen Oberteil und Rock würde ich es zusammenfassen, der Rest sollte separat genäht werden. Die Rockbahnen würde ich vorm Schließen der Seitennähte säumen, die Spitze lieber in eine Kellerfalte legen, auf Einlagen verzichten und an der Knopfleiste würde ich die Schichten nicht wirklich Zusammennähen, sondern nur miteinander umschlagen und feststeppen, sodass auch von Innen noch Spitze sichtbar ist. Der Rest würde sich mir während des Nähens offenbaren (wovor ich wirklich Angst hatte)

Spitze-Hippie-Dreams-naehen

Nach den ersten paar Nähten erkannte ich, dass das Muster doch dankbarer war, als ich zuerst angenommen hatte. Das gab mir ein bisschen Mut.
Aber zu allem Überfluss gefiel mir plötzlich mein auserwählter Viskose-Futterstoff nicht mehr. Er war mir zu glänzend, hätte das Kleid anders wirken lassen, als ich wollte und auch die Farbe war nicht ganz optimal. Schnell musste eine andere Lösung her. (Sonst hätte ich wahrscheinlich wirklich aufgegeben)

Spitze-Sommerkleid-naehen
Im letzten Winkel fand ich noch einen dünnen Baumwollstoff, aber er war schneeweiß, was einen zu starken Kontrast zu dem leichten beige- ecru- irgendwas der Spitze darstellte. Allerdings wollte ich schon länger das Färben mit Tee ausprobieren und das war nun die perfekte Gelegenheit dazu. Wir hatten noch eine alte Packung Grüntee zu Hause mit der ich sofort die Experimente eröffnete. Ich holte mir dazu Anregungen auf verschiedenen Seiten: Mamahoch2, Happygreenlife, Edeltraud mit Punkten und mx Living

Tuva-naehen-Anpassungen

Nachdem diese ganz gut glückten, ging es am nächsten Tag gleich zur Sache. Ich kochte insgesamt 10 Teebeutel in 5 Litern Wasser auf, entfernte nach ungefähr einer Viertelstunde die Teebeutel und legte den Stoff noch ins heiße Wasser. Ich ließ ihn über Nacht einziehen und bügelte ihn im Anschluss. Dann führte ich noch eine Waschprobe durch, aber die Farbe hielt gut. Es kann sein, dass sich mit der Zeit die Farbe auswäscht, aber der Farbton ist nicht wirklich wichtig, solange der Stoff nicht wieder Blütenweiß wird (da wäre er der erste, befleckte Stoff, der das schafft) Das Färben hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich möchte auf jeden Fall noch einiges in die Richtung ausprobieren.
Stoff-mit-Tee-faerben

Aber wieder zurück zum Kleid. Nicht nur beim Zuschneiden, sondern auch beim Nähen habe ich mir besonders viel Zeit gelassen. Die Spitze war nicht immer leicht zu vernähen, an manchen Stellen war sie durch die großen Zwischenräume kaum zu fassen. Und würde ich das Kleid noch einmal nähen, würde ich schon allein aus diesem Grund einfach an sämtlichen Nähten den Futterstoff mitfassen. Mit den Knopflöchern hatte meine Maschine wider Erwarten kein Problem, auch das Muster passte an allen Stellen ausreichend genau zusammen. Nach und nach nahm mein Kleid Gestalt an. Auch beim Knöpfe Annähen habe ich genauer gearbeitet als sonst. Aber Tausend Mal Messen zum Trotz sitzen sie nicht ganz gleichmäßig.

Tuva-naehen-Baumwollspitze

Dadurch, dass die Knopflöcher etwas größer sind, kann man sie allerdings gut zurechtzupfen. Ich habe sie absichtlich als nettes optisches Detail am Oberteil mit einem Abstand von 5cm enger gesetzt, als am Rock (7cm).
Die kleinen hübschen Holzknöpfe mussten im Vorfeld auch ein kleines Experiment über sich ergehen lassen, weil ich gehört hatte, dass Holzknöpfe ausbluten können. Im Nähzubehörgeschäft Klos wurde mir zwar gesagt, dass das nicht vorkommt, aber ich wollte lieber Gewissheit haben. Sie überstehen übrigens auch eine Maschinenwäsche, aber ich glaube, dass ich dieses Kleid lieber nur von Hand waschen werde.

Tuva-naehen

Bei all der Mühe, die ich mir während des Nähens gegeben hatte, hoffte ich inständig, dass der Schnitt passen würde.
Obwohl ich ein Probeoberteil genäht und herausgefunden hatte, dass ich die Armausschnitte in den Achseln um 1,5 cm erweitern musste, aber sonst alles hervorragend saß.
Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass ich die Taille etwas anheben müsste, wegen meiner fehlenden Körpergröße (1,58m), aber das Probeteil endete nur knapp unterhalb der Taille inklusive Nahtzugabe. Also habe ich das lieber bleiben lassen.

Tuva-Knopfleiste-kleine-Holzknoepfe

Trotzdem hatte ich Angst, dass das Kleid nicht sitzen würde, dass es schrecklich an mir aussehen würde, dass ich es doch noch verbrennen müssen würde… mein Bangen war unbegründet. Der Schnitt ist grandios, passt perfekt und sieht nicht nur an allen anderen, sondern auch an mir gut aus.
Durch die Wiener Nähte vorne und hinten schmiegt sich das Oberteil perfekt an und auch die Mittelnaht im Rücken ist nicht ganz gerade, sondern folgt der Körperlinie. Zwei Abnäher am Hintern lassen es auch dort wunderbar sitzen. Außerdem hat der Schnitt noch den großen Vorteil. Er enthält es eine zweite Variante für einen größeren Brustumfang. Dadurch fiel es mir leicht den Schnitt an meine Maße anzupassen. (am Oberteil von 34 über 36 variante mehr Brustumfang zurück auf 34)
Tuva-Faltenwurf

Durch die Spitze kam es an manchen Stellen trotzdem zu Fehlern. Am Rücken musste ich zum Beispiel im Nachhinein von der Spitze noch einiges in der Mitte wegnehmen und auch die Taille etwas anheben. Danach habe ich es per Hand mit ein paar Stichen am Unterkleid fixiert. Ein wenig kann man es an dem seltsamen Faltenwurf noch erkennen, aber der ist für mich im akzeptablen Bereich.
Und besonders links „überholt“ der hintere Rock den vorderen. (was auf den Bildern gar nicht so deutlich rauskommt) Das ist wohl die Rache der Bogenkante. Ich konnte es durch Fixieren der Nahtzugabe am vorderen Rock ein wenig mildern, aber ganz wegbekommen habe ich es leider nicht.

Tuva-Detail-Streifenversaeuberung

Die Armausschnitte und den Hals habe ich mit Streifen versäubert. Die habe ich allerdings nach innen umgeschlagen, weil es mir so besser gefiel. Die Träger wurden dadurch nochmal schmäler und die Armausschnitte, sowie der Halsausschnitt weiter.
Dabei ist mir ein Versehen passiert, das ich erst beim Fotografieren bemerkt habe: Ich habe eine Stecknadel vergessen und eingenäht. Gut, dass ich kein Chirurg geworden bin….

Stecknadel-eingenaeht

Trotz all der Hindernisse kann ich Tuva nur weiterempfehlen. Passform und Anleitung sind toll.
Und, wenn man keine Spitze wählt, oder zumindest vorher über mögliche Probleme nachdenkt, ist das Kleid auch nicht besonders schwer zu nähen und es macht sehr viel Spaß, sich in den Details zu verlieren.

Verlinkt zu RUMS (leider, leider zum allerletzten Mal)
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Sommerkleid-Webware-naehen

2 Kommentare zu „Die Tuva, die ich fast aufgegeben hätte“

  1. Sehr schön, realitätsnah und unterhaltsam geschrieben! Der Weg zum Ziel ist manchmal steinig, aber nicht unüberwindbar. Es hat sich ja mehr als gelohnt. Ein schönes Kleid hast du dir in so vielen Schritten geschaffen, so wird es immer eine besondere Bedeutung für dich haben.
    Liebe Grüße und viel Spaß beim Tragen
    Stef

    Gefällt 1 Person

    1. Oh, gerade gesehen, dass meine Antwort irgendwie nie veröffentlicht wurde!
      Vielen Dank für deine lieben Worte!
      Ja, es hat sich gelohnt, ich liebe es und habe es schon mehrfach getragen (obwohl ich die Nadel immer noch nicht herausoperiert habe….)
      Liebe Grüße
      Iris

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